prosa

 

Viel zu tun

Für Jacky

Es war einmal eine große Erfinderin. Sie war sehr angesehen, denn damals gab es noch wenig auf der Welt und noch viel zu erfinden. Die Leute wussten zwar nicht, dass ihnen etwas fehlte, aber mit jeder Erfindung der großen Erfinderin konnten sie gar nicht glauben, dass sie das, was sie gerade erfunden hatte, zuvor nicht vermisst hatten.
Deshalb bekam die Erfinderin häufig Besuch. Die Leute wollten sehen, woran sie gerade arbeitete. Sie klopften höflich an die Tür, obwohl dort ein Schild hing: „Bitte eintreten ohne anzuklopfen.“
Sie traten vorsichtig den Staub von ihren Schuhen, obwohl die Erfinderinnenwerkstatt voller Schmutz war, denn die Erfinderin arbeitete mit allem Möglichen, auch mit Metall und Stein und Lehm, und sie hatte keine Zeit, sauber zu machen. Die Leute gingen leise und sich wiederholt verbeugend zum Arbeitstisch, an dem die Erfinderin die meiste Zeit saß und zeichnete. Sie guckten auf die Zeichnungen und waren enttäuscht, dass sie nichts erkennen konnten, und sie überhäuften die große Erfinderin mit Fragen, obwohl sie sich einen großen Zettel an den Rücken geheftet hatte: „Bitte nicht stören. Bin am Erfinden.“
Enttäuscht, keine Antwort zu bekommen, durchstöberten die Leute das Haus auf der Suche nach den neuesten Erfindungen. Aber das Haus war leer, die Erfinderin hatte nichts erfunden, was sie nicht schon veröffentlicht hatte. Enttäuscht gingen die Leute wieder.
Einmal aber kam ein junger Mann, der klopfte nicht an, der ging nicht zur Erfinderin hin und überhäufte sie mit Fragen. Er blieb noch in der Tür stehen und rief voller Verwunderung aus: „Oh!“
Dann ging er direkt in den Garten hinter dem Haus und rief auch dort aus: „Oh!“
Er trat wieder ins Haus, ging in die Küche und rief zum dritten Mal: „Oh!“
Dann band er sich eine Schürze um und begann mit dem Abwasch. Nach drei Stunden war er so weit, dass er sich bis zum Kühlschrank vorarbeiten konnte. Er öffnete ihn, rief: „Oh!“, und füllte den Kühlschrank mit den Sachen, die er in seinem Rucksack hatte. Danach kehrte und wischte er den Fußboden und fuhr damit gleich im Arbeitszimmer und im Schlafzimmer und im Wohnzimmer fort. Als er auch alle Fenster geputzt hatte, schaute die große Erfinderin zum ersten Mal von ihren Zeichnungen auf, denn nun war es im Haus plötzlich sonnenhell.
Der junge Mann lächelte die Erfinderin freundlich an, sagte: „So viel zu tun!“, und verschwand in der Küche. Die Erfinderin nickte und widmete sich wieder ihren Arbeiten. Ihr Fuß unter dem Tisch wippte im Takt des Küchenmessers, das der Mann lustig über das Gemüse sausen ließ. Nachdem er das Abendessen in den Ofen gestellt hatte, lief er in den Garten hinaus. Die große Erfinderin schaute verwundert auf, als sie den Lärm von Sägen und Hämmern und Schaufeln hörte. Aber bald vertiefte sie sich wieder in ihre Erfindungen. Ihr Kopf wackelte im Takt der Werkzeuge.
Nun lief der Mann einige Mal zwischen Küche und Garten hin und her, bis er im Arbeitszimmer stehen blieb und sagte: „Das erfinden geht bestimmt leichter mit vollem Magen.“
Die große Erfinderin schaute den Mann an und freute sich. Als sie zusammen in den Garten kamen, standen sie vor einer prächtigen Gartenlaube, in der ein gedeckter Holztisch und bequeme Korbstühle standen. Das alles kannte sie von viel früher, hatte es aber nie benutzt und dem Wind und dem Unkraut überlassen. Jetzt sah es schöner aus, als sie es je gesehen hatte.
Sie setzten sich und aßen und beiden schmeckte es hervorragend. Und als die Erfinderin von ihrem Teller aufsah, entdeckte sie sogleich, was noch alles fehlte, und sie erfand schnell das Windspiel und das Windlicht, das Sitzkissen und den Kerzenständer, den Springbrunnen und die Schaukel, den offenen Kamin und die Geschirr­spülmaschine.
Nun hatten die beiden Zeit, sich gründlich kennen zu lernen.